Milch
Milch wird hauptsächlich in den südlichen Bundesstaaten Goias, Rio Grande do Sul, São Paulo und Minas Gerais produziert, wobei letzterer den größten Rinderbestand, sowie die größte Produktion an Milch und Milcherzeugnissen aufweist. Im Jahr 2005 betrug die produzierte Milchmenge 23,45 Millionen Tonnen. Brasilien ist weltweit der sechstgrößte Milchproduzent. Der Verkaufspreis von Milch liegt in Brasilien bei ca 0,40 Real/Liter. Besonders unter kleinen Produzenten ist ein Zusammenschluss üblich. In Rio Grande Do Sul, Santa Catarina und Paraná wird die Produktion von Mais, Sorghum und Winterfutter im Zusammenschluss erledigt, um die Futterkosten zu reduzieren. Diese Praxis wird auch beim Erwerb und der Konservation von Samen angewandt.
In Brasilien gibt es zwei Arten von Milchproduzenten: die großen, spezialisierten und die kleinbäuerlichen, diversifizierten Betriebe. Letztere bilden die Mehrheit. Spezialisierte Produzenten erzeugen Milch als Hauptprodukt. Ihre Produktion beruht auf spezialisierten Milchkühen (Gado Holandês = Holstein Friesen) aus europäischer Zucht. In Brasilien sind über 2 Millionen Tiere dieser Rasse registriert. Bei nicht spezialisierten Produzenten wird Milch als Beiprodukt von Fleisch produziert. Die gemischten Herden aus Milch- und Fleischvieh betragen etwa 17 Millionen Tiere.
Geschichte
Die brasilianische Milchwirtschaft ist seit den frühen 90er jahren großen institutionellen Veränderungen unterworfen, die bedeutenden Einfluss auf deren Organisationsstruktur hatten. Nach vier Jahrzehnten der Marktregulierung in denen Preise von der jeweiligen Bundesregierung kontrolliert wurden, gab es einen radikalen Wandel in der Rolle des Staates. Mit der Öffnung des Marktes und Festigung des Mercosur stieg der Wettbewerb mit den importierten Produkten, hauptsächlich aus Argentinien. Durch die Freigabe der Preise ergaben sich neue Bedingungen sowohl für Preise wie auch Kosten entlang der gesamten Milchproduktionskette.
Mitte der 90er Jahre vollzog sich ein weiterer, einschneidender Wandel in der Milchindustrie. Zu dieser Zeit forcierten die führenden Unternehmen die Einführung neuer Sammel- und Transportsysteme für Rohmilch, so wie Milchkühlungstechnologien auf den Betrieben, welche die Milchproduktion mit positiven Auswirkungen auch bei den kleinen Produzenten konzentrierte.
Milchrassen in Brasilien
Brown Swiss
Als milchbetontes Zweinutzungsrind mit einer jährlichen Milchleistung von 6000 bis 7000 kg zeichnet sich die Brown Swiss durch Langlebigkeit und Anpassungsfähigkeit an unterschiedliches Klima- und Haltungsbedingungen aus. Braunvieh ist hitzetoleranter und reagiert weniger empfindlich auf Sonneneinstrahlung als andere Milch- und Fleischrassen, weil seine braunen Pigmente das UV-Licht besser abschirmen und auch seine Augenlider dunkel sind. Dank ihrer ausgeprägten Hitzetoleranz ertragen daher Braunviehkühe hohe Temperaturen bedeutend besser als beispielsweise die Holstein Friesian, die ihre Milchmengenleistung unter tropischen Bedingungen deutlich reduzieren. In Brasilien beläuft sich der Bestand auf ca. 57.000 Tiere.
Girolanda
In der kleinbäuerlichen Milchviehhaltung wird bevorzugt ein aus Gir (indisches Zebu) x Holandes (Holstein Friesian Abkömmlinge) entstandenes Kreuzungsprodukt gehalten, welches Girolanda genannt wird und sich durch gute Milchproduktion und Robustheit auszeichnet.
Holandês (Holländisches Rind)
In der intensiven Milchviehhaltung in Großbetrieben werden aufgrund der besseren Milchproduktion vorzugsweise reinrassige Holandês genutzt. Das Holländische Rind ist die am weitesten verbreitete Milchviehrasse der Welt, und in über 50 Ländern vertreten. Diese moderne Hochleistungskuh mit genetischer Ausrichtung auf Milchproduktion zeichnet sich durch stabile Gesundheit, hohe Fruchtbarkeit, gut melkbares Euter, hohe Milchleistung, Anpassungsfähigkeit, Langlebigkeit, hohe Produktivität und Resistenz gegen Krankheiten aus. In Brasilien sind über 2 Millionen Tiere registriert.
Weidehaltung
Die Milchproduktion in Brasilien beruht überwiegend auf Weidehaltung, die durch einen niederen Verbrauch außerbetrieblicher Produktionsfaktoren gekennzeichnet ist. In der Vergangenheit wurde Weidegras nicht als Kultur im landwirtschaftlichen Sinne angesehen und wurde darum bei Anbau und Pflege wenig beachtet. In den 70ern änderte sich dies.
Das erste Gras, dass in Brasilien komerziell genutzt wurde, war Melinis minutiflora (Molassegras). Die Verbesserung der Produktionstechniken und der Anstieg der Preise für Boden bewirkte jedoch, dass andere Grassorten genutzt wurden, die produktiver und resistenter gegen Kälte und Dürre waren, wie zum Beispiel Hyparrhenia rufa (Thatching grass).
Ein beträchtlicher Teil der Böden auf denen die Weidehaltung ausgedehnt wurde, waren zuvor Waldstandorte gewesen und darum reich an organischer Substanz. In den Regionen Presidente Prudente und dem nördlichen Paraná bestand Weideland aus Panicum maximum (Guineagras). Dieses Gras ist überaus produktiv, stellt allerdings hohe Ansprüche an die Bodenfruchtbarkeit. Es erreichte exzellente Leistungen auf abgeforsteten, organikreichen Böden. Ohne effiziente Technik zur Rückführung von Nährstoffen verliert es allerdings seine Produktivität.
Ende der 70er führte das Landwirtschaftsforschungs-institut EMBRAPA (Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária)die Grassorte Bracchiaria decumbens ein. Diese beansprucht weniger fruchtbare Böden und ist sogar an saure Böden angepasst. Die Weidegras-Produktion erlebte in den späteren 80ern eine weitere Entwicklung mit der Einführung von Bracchiaria brizantha. Diese Sorte verbreitete sich schnell dank ihrer Fähigkeit hohe Produktivität mit niederem Anspruch an den Boden zu verbinden. Durch die Einfachheit in der Vervielfältigung konnten niedrige Vertriebskosten der angepassten Grassorten gewährleistet werden. Dies führte zur Verwendung auf allen Produktionsleveln zu den selben Konditionen. Diese Weidegrassorten werden sowohl auf großen wie auch in sehr kleinen Betrieben verwendet.
Leistungssteigerung und Mechanisierung
Die Leistungssteigerung kann auf die gesteigerte Verwendung von mechanischen Melkmaschinen und wohl auch auf den intensiveren Einsatz von Traktoren und landwirtschaftlicher Geräte auf den Betrieben zurückgeführt werden. Es gibt keine offiziellen Statistiken die die Mechanisierung in der Milchproduktion beschreiben, da diese in Brasilien im Allgemeinen mit Getreidebau einhergeht. Aber es ist eine Tatsache, dass die Milchproduktion in den Gebieten zunahm, in denen Mais, Soja oder Kaffee produziert werden und in denen Maschinen und Anlagen verfügbar sind, die auch in der Milchproduktion eingesetzt werden. Abgesehen von der Verwendung dieser Maschinen zur Futterproduktion für die Herde, befähigt der Einsatz von mechanischen Melkmaschinen auch kleinere Familienbetriebe wettbewerbsfähig zu werden bzw zu bleiben.
Die Problematik der Milchkooperativen
in Brasilien
Heutzutage bilden in Brasilien - anders als in den USA, Europa und Australien – Milchgenossenschaften nicht die Mehrheit beim Sammeln, Verarbeiten und Vertrieb von Milchprodukten. Nur drei der zwölf größten Milchunternehemen (Itambé, CCL/SP und Centroleite) bilden Genossenschaften.
Um diesen Umstand zu erklären, bedarf es mehrerer Betrachtungen. Zum Einen das Verhalten der in Genossenschaften organisierten Produzenten. Da der Preis für das Rohmaterial über die Jahre stark schwankt, agieren private Unternehmen strategisch als Sammelstellen, unter Berücksichtigung des kurzfristigen Bedarfs. Wenn Knappheit am Produkt herrscht bieten diese Unternehmen einen besseren Preis für die Rohmilch als Kooperativen. Wenn es Produktionsüberschüsse gibt, senken diese Unternehmen die Preise und regen die Produzenten dazu an, die Kooperativen zu beliefern. Die Kooperativen ihrerseits komplizieren das Sammelproblem, da sie gezwungen sind die gesamte Milch eines Produzenten aufzunehmen. Diese Situation hebt die Transaktionskosten an und behindert eine effektive Langzeitplanung zur Ausweitung der Marktanteile.
Eine zweite Erklärung bezieht sich auf die Tatsache, dass die Kooperativen die Einführung von differenzierten Preisen für Rohmaterial verzögerten. Seit Mitte er 90er Jahre bezahlen private Unternehmen die Produzenten nach Produktionsvolumen, mit unterschiedlichen Preisen für verschiedene Zulieferer. Innerhalb der Kooperativen war dieses Verfahren kontrovers. Die Zahlung eines einheitlichen Preises für alle Produzenten führte dazu, dass große Produzenten aus den Kooperativen ausstiegen und deren Produkte von privaten Unternehmen aufgekauft wurden. Dies hob die Kosten der Kooperativen für die Sammlung der Milch und verursachte erhebliche Unterschiede bei der gesammelten Menge.
Eine dritte Faktor betrifft die Tatsache, dass die einzelnen Kooperativen im Allgemeinen kleine industrielle Anlagen haben und Produkte mit geringer Wertschöpfung für regionale Märkten mit eigener Marke produzieren.
Ein weiterer Grund, der die Schwächung des brasilianischen Kooperativen-Systems erklärt, ist die Festsetzung der Preise, die den Produzenten gezahlt werden. In privaten Unternehmen orientiert sich die Preisfestlegung flexibel an den gegenwärtigen Marktbedingungen. In den Kooperativen wird der Preis durch die Geschäftsführer, die gleichzeitig auch Produzenten sind, festgesetzt. Die Preisfestlegung bezieht die Marktsituation mit ein, ist aber auch stark von den Produzenten beeinflusst, die eher ihre eigenen Interessen vertreten, als den bestmöglichen Preis. Tatsache ist, dass die Kooperativen den Produzenten Preise zahlen, die mindestens 10% über dem Marktpreis liegen.
Eine fünfte Erklärung für den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit brasilianischer Milchkooperativen ist ihre Unfähigkeit die erforderliche Menge an Bankanleihen zu erhalten um die Betriebe und Industrien weiter zu automatisieren und mit genug Arbeitskapital auszustatten. Im Allgemeinen verschulden sie sich und werden von den Gesellschaftern unter Druck gesetzt, Überschüsse am Ende des Jahres zu verteilen, was neue Investitionen verhindert.
Reiseberichte
Bericht TopAgrar 2003 Brasilien
Betrieb Baudra Agropecuaria in Rolândia
„Es führt uns der Juniorchef Carlos Baudra. 1952 ist der Vater Louis Baudra aus der Schweiz nach Brasilien ausgewandert und hat 1954 den Betrieb in Rolandia mit ursprünglich Kaffeeanbau und Rindviehhaltung gekauft. Der Kaffeeanbau wurde 1975 aufgegeben, nachdem die Kaffeeernte durch Frost vernichtet worden war. 1976 wurde die Milchviehhaltung durch Zukauf von HF-Kühen aus Kanada und Uruguay begonnen. Der Betrieb bewirtschaftet 112 ha LF und hält 350 Stück Rindvieh (180 Milchkühe + Nachzucht, 1 Deckbulle). Der Ak-Besatz ist mit 6 Familien- und 9 Fremd-Ak unglaublich hoch. Die durchschnittliche Milchleistung beträgt 9.000 kg/Kuh und Jahr, täglich werden im Durchschnitt 4.400 kg Milch produziert, die Abholung erfolgt jeden zweiten Tag. Die Zellzahl liegt bei 180.000, die Keimzahlen sind niedrig. Es wird dreimal täglich mit 2 Ak in einem 2x6 Fischgräten-Melkstand mit aut. Abnahme (Alfa-Laval) gemolken. Ein Wartebereich vor dem Melkstand ist vorhanden. BST-Einsatz ist erlaubt, wird jedoch nur bei Kreuzungstieren praktiziert. Der Milchpreis liegt bei 3,6 % Fett und 3,0 % Eiweiß zwischen 0,18 und 0,20 $/l. Die Kreuzungstiere sind sehr widerstandsfähig und unempfindlich gegen Tropenkrankheiten. Für den täglichen Weidegang (das ganze Jahr über) stehen 15 ha Grünland zur Verfügung, bei Regen bleiben die Kühe aber im Stall. Gefüttert werden Maissilage, Baumwollsamen, Zitrustrester und Sojabohnen. Es werden 30 kg Futter/Kuh und Tag mit 16% Protein vorgelegt. Die Kühe werden in drei Leistungsgruppen in folgenden Offenställen gehalten:
- 2-reihiger Fressliegeboxenstall mit Anbindung (Hochleistungsgruppe)
- 2-reihiger Boxenlaufstall (mittlere Leistungsgruppe)
- 1-reihiger Fressliegeboxenstall mit Anbindung (niedrige Leistungsgruppe)
Die Matten der Liegeboxen sind mit Gummigranulat gefüllt. Die Baukosten der Stallungen für 200 Kühe lagen bei ca. 300.000 $, es waren keine Umweltauflagen zu beachten. Die anfallende Gülle wird täglich ausgefahren. Die Entmistung erfolgt weitgehend von Hand. Die Besamung erfolgt mit Sperma aus USA, Frankreich, Spanien und Holland. Das Erstkalbealter liegt bei 24 – 25 Monaten. Die Zwischenkalbezeit beträgt 14 Monate. Die Gesundheitsprobleme beschränken sich auf Klauenerkrankungen sowie hin und wieder Mastitis. Eine weitere Entwicklung ist an diesem Standort nicht möglich daher wird die nächte Generation vermutlich andere berufliche Wege gehen.“
Betrieb von José und Maria Isabel Francisco in Rolândia
„Anbau von 50 ha Mais und Futterpflanzen 140 Rinder, davon 75 Milchkühe, 10.800 Liter Stalldurchschnitt, Embriotransfer und Besamung (kanad.Sperma) durch Betriebsleiter, mittl. Herdenalter 3.5 Jahre, 7-8 Laktationen, nach 15 Mon. Erstbesamung, 400 Tage Zwischenkalbezeit, 4 Familien- und 6 Fremd‑AK, Familienentlohnung = 300 Real bei freier Station, 3 x tägl. melken, Offenstall mit zusätzlichen Lüftern ( große Durchmesser ) oberhalb der Tiere, Einstreu mit Sägespänen, Stallfütterung mit Auslauf, eigene Anlage zur Pasteurisierung und Abfüllung / Verpackung der Milch, Erlös 82 cent (bras.) / l pasteur.+verpackt an Handel, 48-52 cent lose an Molkerei, z.Zt. tägl. ges. Menge von 65 Kühen = 1900-2000 l/Tag Absatz past.+verp., wöchentlich amtl. Kontrolle von Milchkonsistenz und Tiergesundheit .Produktion der höchsten Qualitätsstufe bei Milch lohnt nicht wegen noch höherer und damit kostspieliger Auflagen. Sehr sauberer und gepflegter Betrieb. Milchumtrunk zum Abschied.“
Bericht TopAgrar 2005: Genossenschaft Castrolanda
„Bei der Genossenschaft Castrolanda begrüßt uns Herr Sinohe, der Geschäftsführer für den Bereich Pflanzliche Produktion und gibt uns einen Überblick über die Geschichte und die Leistungen der Cooperative. In Castro ist der Hauptstandort der Genossenschaft. Zusätzlich gibt es noch fünf Filialen in den Bundesstaaten Paraná und Sao Paulo. Castrolanda wurde 1951 durch 50 Einwanderer aus Holland als Molkereigenossenschaft gegründet. Den Einwanderern wurden von der brasilianischen Regierung 5.000 ha Buschland und Wald zur Verfügung gestellt, die zunächst urbar gemacht werden mussten. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte hat sich die Genossenschaft kontinuierlich weiter entwickelt: 1954 erfolgte die Gründung der CCLPL (Cooperativa Central de Laticinios do Paraná Ltda), 1964 Geflügelwirtschaft (nach 10 Jahren aufgegeben), 1965 Expocastrolanda, die erste Ausstellung für Milchvieh in Brasilien, 1967 Schweineproduktion, 1970 Pflanzenproduktion (Mais), 1984 Gründung ABC (landw. Forschungsinstitut, Stiftung), 2002 Zusammenarbeit mit Cooperative Witmarsum (deutsche Mennoniten), 2003 Futtermittelwerk für Geflügel- und Schweinefutter in Zusammenarbeit mit der Firma Perdigao (Zucht, Produktion und Vermarktung von Schweinen und Geflügel (Fleisch)), 2003 Einheit zur Kartoffelchips-Herstellung.
Die Genossenschaft hat z.Zt. 612 Mitglieder und 369 Mitarbeiter. 2004 betrug der Umsatz 552 Mio. Reais. Alle Mitglieder der Genossenschaft sind auch Teilhaber. Partner sind Veterinäre, Agronomen, Techniker, Freiberufler (alles Dienstleister) und Beratungskomitees für alle Bereiche. Neben dem Hauptgeschäftsführer gibt es vier Geschäftsführer für die Bereiche Pflanzliche Produktion, Tierische Produktion, Finanzwesen und Neue Entwicklungen. Zusätzliche Bereiche ohne eigenen Geschäftsführer sind Steuerberatung, Controlling und die bereits genannten Beratungskomitees. Die Betriebsgrößen liegen zwischen 50 und 3.000 ha bei einer maximalen Entfernung von 300 km! Die Mitglieder haben Lieferpflicht, dafür bekommen sie von der Genossenschaft Beratung (gegen Bezahlung) und Unterstützung in finanziellen Angelegenheiten. In der Betriebsführung sind die Mitglieder eigenständig, die Genossenschaft macht ihnen keine Vorschriften. 50 % der Mitglieder sind holländischer Abstammung. Der Gewinn bleibt zu 50 % bei der Genossenschaft (für Investitionen), die anderen 50 % werden nach Umsatz auf die Mitglieder ausgeschüttet.
1982 wurde mit der Sojavermarktung begonnen. 2004 wurden 146.000 t Soja, 145.000 t Mais und 38.000 t Weizen vermarktet, die Pflanzkartoffel-Produktion betrug 3.500 t. Im Durchschnitt sind folgende Erträge zu verzeichnen: Soja 3.000 kg/ha, Mais 8.000 kg/ha, Weizen 3.000 kg/ha, Kartoffeln 28.000 kg/ha. Für die Sommerproduktion steht eine Fläche von 100.000 ha zur Verfügung, für die Winterproduktion (Getreide) dagegen nur 40.000 ha. Die restliche Fläche liegt über Winter brach. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird staatlich kontrolliert, Grundlage für die Empfehlungen der Berater sind die Ergebnisse des Forschungsinstituts. Die Niederschläge liegen bei 2.000 mm jährlich. Die Monate September und Oktober 2005 waren mit 700 mm Niederschlag untypisch, daher auch die Verzögerungen bei der Getreideernte.
Im Bereich Tierische Produktion wurden 2004 folgende Produktions- und Vermarktungsdaten erreicht: 98 Mio. kg Milch, Produktion steigend, da keine Quoten. Durchschnittlich 28 kg/Kuh und Tag bei zweimal täglichem Melken, 33 kg/Kuh und Tag bei dreimal täglichem Melken. Tägliche Milchanlieferung je Mitglied im Durchschnitt 1.350 kg = ca. 50 Kühe/Betrieb. Ein Spitzenwert für Brasilien sind die 22 Ferkel/Sau und Jahr. Die Schweinefleischproduktion lag bei 22.600 t, die Mischfutterproduktion bei 155.000 t.
Weiter geht es zum hoch prämierten Milchviehbetrieb “Chácara Salomons“ mit 160 Hochleistungskühen. Uns führt Charles Salomon, der Sohn des Eigentümers Klaas Salomon, dessen Vater aus Holland eingewandert ist. Der Betrieb wird nicht vererbt, sondern der Sohn muss den Betrieb vom Vater kaufen. Der Sohn ist aber schon jetzt am Gewinn beteiligt. Auf der Gesamtfläche von 180 ha LF werden 75 ha Soja und 60 ha Mais (für Maissilage) angebaut, die restliche Fläche wird mit schwarzen Bohnen bestellt. Im Sommer haben die Kühe Weidegang auf 6 ha, im Winter auf der gesamten Fläche. Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei 31 kg je Bestandskuh und Tag, bei 3,80 % Fett, 3,20 % Eiweiß und 180.000 Zellen.
Die Kühe werden in einem zweireihigen Offenlaufstall (keine Wände, der Stall ist nur überdacht) mit Spaltenboden gehalten. Auf Liegeboxen wurde verzichtet, da die Kühe “Weidegang“ (Auslauf) haben. Die 3 m breiten Spaltenboden-Laufgänge sind 2 m tief unterkellert (Zirkulationssystem). Mit einer Kapazität von 600 m3 kann die Gülle 4 Monate gelagert werden. Es wird zweimal täglich gefüttert, keine Futtermischung, Luzerne und Maissilage als Grundfutter. Das schräg gestellte Selbstfang-Fressgitter hat eine Fressplatzbreite von 75 cm. Bei 136 Fressplätzen können nicht alle Kühe gleichzeitig fressen. Die 4 m tiefen Fahrsilos sind arbeitstechnisch günstig am Hang gebaut worden. Auf Leistungsgruppen wird verzichtet, das würde zu viel Arbeit machen. Im Stall gibt es 4 Fressstellen für Mineralstoffe (zur freien Aufnahme). Der 2x5 Autotandem-Melkstand (Westfalia) hat einen überdachten Warteraum und ist in einem separaten Gebäude untergebracht. Im Melkstand wird kein Kraftfutter verabreicht. Die Abkalbebuchten befinden sich neben dem Wohnhaus, in der Nähe stehen die selbst gebauten Kälberhütten. Die Besamung erledigt ein Besamungstechniker, die Trächtigkeitskontrolle erfolgt per Ultraschall.
Die Kühe werden zweimal täglich gemolken, nicht dreimal, denn Familie Salomons arbeitet, um zu leben, nicht umgekehrt. Auf dem Betrieb arbeiten 3 Ak + Betriebsleiter – 2 Ak melken, 1 Ak füttert. Der Melker verdient 1.200 Reais, zusätzliche Kosten für Sozialabgaben ca. 40 %. Die Milch wird täglich abgeholt, die Lagertemperatur im 6.000 l fassenden Kühltank beträgt 2° C. Der Milchpreis ist z.Zt. mit 0,43 Reais/kg sehr niedrig. Die Kosten von 0,46 Reais/kg werden im Moment nicht gedeckt. Normalerweise liegt der Milchpreis bei 0,55 Reais/kg.
Die züchterische Grundlage der beeindruckenden Milchviehherde liegt in den Kühen der Großeltern. Das Ziel ist die ständige genetische Verbesserung der Herde. Die über die Besamung eingesetzte Genetik stammt zu 90 % aus Kanada und zu 10 % aus den USA. Es wird auch mit Embryotransfer gearbeitet. Imponierend ist die Pokalsammlung, die den züchterischen Erfolg des Betriebes zeigt: Neben 14 Excellent-Kühen wurde eine Kuh mit 85 Punkten bewertet und mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Zur Bestandsergänzung werden jährlich 60 - 80 Färsen benötigt (Erstkalbealter 24 - 26 Monate). Überzählige Tiere werden zu hohen Preisen verkauft.
Nach dem Mittagessen besuchen wir das Forschungsinstitut für Landwirtschaft “ABC“, dessen Träger eine Stiftung der drei Genossenschaften Apotie, Batavo und Castrolanda ist. Uns begrüßt der Leiter, Eltje Jan Loman Filho, der uns sehr interessante Informationen gibt. Das 1984 gegründete Institut hat 80 Mitarbeiter, davon 7 wissenschaftliche Koordinateure, 50 Agraringenieure und 10 landw. Techniker. Die Mitglieder der genannten drei Genossenschaften bewirtschaften insgesamt 240.000 ha. Im Bundesstaat Paraná lag die durchschnittliche Jahrestemperatur in den Jahren 1975 - 1999 zwischen 22 und 27° C. Man unterscheidet drei Klimazonen:
- 600 m hoch,
durchschnittliche Jahrestemperatur 25 - 26°C
- 800 m hoch,
durchschnittliche Jahrestemperatur 24° C
- 1.000 m hoch, durchschnittliche Jahrestemperatur
22°C, 4 - 5 Fröste/Jahr, max. -5° C
Die Stiftung besitzt 150 ha Versuchsflächen in drei Parzellen. Ziel der Arbeit ist, die Mitglieder so schnell und so umfassend wie möglich über die Ergebnisse der Forschungsarbeit zu informieren. Jedes Mitglied zahlt einen Beitrag in Höhe von 4,5 $/ha LF. Jedes Jahr führt das Institut im Februar eine technologische Schau (ohne Maschinen) durch, bei der die neuesten Erkenntnisse weitergegeben werden. An dieser Schau sind auch Dünger- und Saatguthersteller sowie Pflanzenschutzfirmen (z.B. BASF und Bayer) beteiligt. Die Homepage des Instituts enthält aktuelle Informationen, vor allem auch für die Mitglieder, denen zusätzlich noch exklusiv eine spezielle Datenbank zur Verfügung steht. Zusätzlich besteht noch die Möglichkeit, sich auf den Versuchsfeldern vor Ort zu informieren.
Das entscheidende Gremium des Instituts ist der Forschungsrat, der sich zusammen setzt aus den Direktoren der Genossenschaften, die praktische Landwirte sind, aus den Leitern der Fachabteilungen und aus Technikern des Instituts. In diesem Gremium werden die Forschungsvorhaben diskutiert und beschlossen. Neben den Versuchsflächen steht ein Labor für Boden- und Pflanzenuntersuchungen zur Verfügung. Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt im Moment bei Umweltfragen, auch im Hinblick auf die Gesetzgebung. Ein weiteres Problemfeld betrifft die Direktsaat, bei der der Einsatz von Roundup zu ersten Resistenzen geführt hat. Hoch interessant war die Diskussion über gentechnisch veränderte Pflanzen. Mit diesem Thema beschäftigt sich das Institut seit fünf Jahren. Das Ergebnis dieser Untersuchungen zeigt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ökonomisch nicht besser abschneiden als konventionelle Pflanzen. Trotzdem sind die Wissenschaftler in Brasilien für den Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut, da der hohe Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bei konventionellen Pflanzen (unter den Bedingungen des tropischen Klimas!) auf Dauer nicht tragbar ist.
Zur Genossenschaft zurückgekehrt erläutert uns Herr Sinohe die Anlieferungs- und Lagermöglichkeiten. Die Annahmekapazität beträgt 840 t/h. Der Gesamtumschlag liegt im Sommer bei 370.000 t, im Winter bei 70.000 t. Z.Zt. wird Weizen angeliefert. Zu Beginn der Ernte betrug der Feuchtegehalt bis zu 23 %. Der Brennstoff für die Trocknung ist Holz, das aus Eukalyptus-Plantagen kommt. Die Lagerkapazität in Castrolanda reicht mit 280.000 t für die Mitglieder nicht aus. 80.000 bis 90.000 t müssen auswärtig gelagert werden. Zusätzlich gibt es zwei Lagerhäuser für Düngemittel, ein Lagerhaus für Pflanzenschutzmittel, ein Lagerhaus für Saatgut und eine Anlage zur Saatgutaufbereitung von Soja und Mais (Saatgutverkauf auch an Nichtmitglieder). Verständlicher-weise muss permanent auf Lagerschädlinge kontrolliert werden. Die aktuellen Preise liegen für Soja bei 12 $/60 kg Sack, für Harnstoff (45 % N) bei 250 $/t und für Weizen bei 130 $/t (das ist der schlechteste Preis der letzten 10 Jahre, dazu kommt noch die wegen des Regens schlechte Qualität). Übernachtung im Philadelphia Hotel.“
|