Zuckerrohr
In Brasilien wird Zuckerrohr auf einer Fläche von 5,8 Mio ha angebaut. Die Zuckerrohrfelder ziehen sich vom Nordosten des Landes bis in den Süden.
Im Jahr 2005 betrug die nationale Gesamtproduktion an Zuckerrohr 420 Mio Tonnen mit einem durchschnittlichen Ertrag von 72,8 t/ha. Zuckerrohr wird hauptsächlich zu drei Produkten verarbeitet, nämlich Zucker, Ethanol und Cachaça. Brasilien ist der weltgrösster Produzent an Rohrzucker. Im hügeligen Nordosten des Landes wird Zuckerrohr noch von Hand geerntet, wohingegen die Ernte im flachen Süden meist voll mechanisiert ist. Eine Vollerntemaschine ersetzt 100 Arbeiter.
Mit einem Exportvolumen von über 16 Millionen Tonnen Rohzucker mit im Wert von 2,6 Milliarden US$ im Jahr 2004 besetzt Brasilien den ersten Platz auf der Liste der weltweit führenden Zuckerexportländer. Der Bundesstaat São Paulo produziert 60% des gesamten Exportaufkommens. Exportiert wird raffinierter Zucker (ca. 6,2 Mio Tonnen im Jahr 2004), Kristallzucker und Rohzucker (ca. 9,6 Mio Tonnen im Jahr 2004) vor allem nach Russland.
Die Geschichte des Zuckerrohranbaus in Brasilien
Im Jahre 1538 wurde die erste Zuckerrohrfabrik ("engenho") im heutigen Bundesstaat São Paulo gegründet. Nachdem dort die ersten Erfahrungen mit dem Anbau von Zuckerrohr auf brasilianischem Boden gesammelt wurden, breitete sich der Zuckerrohranbau im Laufe des 16. Jahrhunderts hauptsächlich in den fruchtbaren Küstenebenen der nördlichen Ländereien (Bahía und Pernambuco) aus. Der Anbau erfolgte in großflächigen Monokulturen und der gesamte Zuckergewinnungsprozeß, sowie der Anbau der benötigten Lebensmittel fand innerhalb der ökonomischen Einheit des engenho statt. Mit dem Zuckerrohranbau wurde in Brasilien die Plantagenwirtschaft eingeführt. Gemeinsam mit dem florierenden Handel mit afrikanischen Sklaven wurde sie zu den tragenden Elementen der kolonialen Wirtschaft und Gesellschaft. Damit einher ging die Abholzung des Küstenregenwalds bis auf 7 Prozent der Ursprungsfläche und die Degradierung der Böden durch die Monokultur des Zuckerrohres. Das an riesigem Großgrundbesitz orientierte Wirtschaften prägt die sozioökonomischen Strukturen Brasiliens bis in unsere Zeit.
Heutzutage wird Zuckerrohr weltweit angebaut und macht etwa 55% der Zuckerproduktion aus. Hauptanbauländer sind Indien, Australien, Thailand, Südafrika, die karibischen Inseln wie Kuba, Jamaika und die Dominikanische Republik und natürlich Brasilien.
Die Schattenseiten
Brasilien produziert die weltweit grösste Menge an Zuckerrohr mit den weltweit geringsten Produktionskosten. Diese Tatsache ist nicht nur auf die fruchtbaren Böden zurückzuführen, sondern darauf, dass schon im 16. Jahrhundert zu Beginn der Plantagenwirtschaft Millionen von Afrikaner in die Sklaverei verschleppt wurden. Nur auf deren Rücken war die arbeitsintensive Produktion von Zuckerrohr mit solch hoher Rentabilität durchführbar.
An den menschenunwürdigen Zuständen auf den Zuckerrohrplantagen Brasiliens hat sich bis heute oft nur wenig verändert. Die Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrfeldern sind auch im 21. Jahrhundert teilweise noch katastrophal. Der Druck bei den Tagesernten ist auf Grund der festgesetzten Zielvorgaben von mindestens 10 Tonnen pro Person sehr gross. Unzureichende Arbeitskleidung, hohe Unfallraten und nicht regulierte Arbeitszeiten gehören zum Alltag. Die saisonal beschäftigten Zuckerrohrschneider haben außerhalb der Erntezeit (4-6 Monate im Jahr) kaum andere Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Da es keine Arbeitslosenunterstützung gibt, leben diese Menschen oft am Rande des Existenzminimums, Mangelernährungen treten häufig auf. Die festangestellten Landarbeiter verdienen in der Regel einen Mindestlohn, der bei etwa 200 Reais (ein Euro entspricht ungefähr 2,5 Reais) liegt. Mancherorts sind informelle, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse zu finden. Die schlechten Arbeitsbedingungen gehen meist mit mangelnder Gesundheitsversorgung oder fehlendem Bildungssystem einher. Soziale Standards sind gering. Anbaugebiete wie z.B. Alagoas im Nordosten Brasiliens werden mit den 10 ärmsten Ländern der Welt verglichen.
Nur diesen Umständen ist es zuzuschreiben, dass brasilianischer Rohrzucker entsprechend billig auf dem Weltmarkt angeboten werden kann.
Ein weiterer negativer Aspekt für Bevölkerung und Umwelt ist die ungleiche Landverteilung in Brasilien: Etwa 10% der Bevölkerung besitzen rund 80% des Landes, und in einigen Anbaugebieten sind 86 Prozent aller agrarwirtschaftlichen Flächen mit Zuckerrohr bebaut. Die Ausweitung von Monokulturen geht mit einer immer stärker werdenden Landkonzentration und gewaltsamen Vertreibungen von Kleinbauern einher. Aktuell sind ca. 4,8 Mio. kleinbäuerliche Familien landlos oder besitzen nicht genug Land, um sich zu ernähren. Die mit der Landkonzentration einhergehende Mechanisierung erzeugt eine hohe Arbeitslosigkeit, die seit den 70er Jahren zur Migration der Landbevölkerung in die Metropolen im Süden führt, wo viele ihr Dasein in den Favelas fristen. Ein weiterer Weg der ohne Alternativen belassenen Landbevölkerung führt nach Norden, nach Amazonien, wo sie auf Soja- und Rinderfarmen in teilweise sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten.
Gängige Praxis bei der Zuckerrohrernte war und ist teilweise heute noch das Abbrennen der Felder. Dies diente der Erleichterung der Arbeit, da die messerscharfen Blätter die Erntehelfer verletzen können. Darüberhinaus wird so das Gewicht und das Transportvolumen des sperrigen Ernteguts vermindern. Diese Methode beseitigt Unkraut, Ungeziefer und die große Blattmasse.
Die Auswirkungen auf die Umwelt sind jedoch schlimm. Neben dem hohen CO2-Ausstoss erzeugt das Abbrennen der Felder gesundheitsschädlichen Qualm und tötet viele Nützlinge und Kleintiere. Enorme Mengen an Biomasse riesiger Landstriche wird ungenutzt vernichtet.
Kontroverse
Wegen des starken Protektionismus des EU-Zuckermarktes war der brasilianische Zucker gegenüber dem Rübenzucker bisher nicht konkurrenzfähig. Dies könnte sich nun ändern.
Im November 2005 einigten sich die EU-Agrarminister auf eine Reform der der EU-Zuckermarktordnung. In den kommenden Jahren werden die Produktionsquoten und die Zuckerrübenmindestpreise drastisch gesenkt und Importzölle abgebaut. Dies dient eine Verringerung der Zuckerproduktion und damit der Vermeidung von Überschussproduktion. Der europäische Markt soll so stärker an den Weltmarkt angeglichen werden.
Die Reform ist das Ergebnis einer langjährigen, kontroversen Diskussion im Zuge der Liberalisierung des Welthandels und der Globalisierung. Besonders Brasilien als weltgrösster Zuckerproduzent und -exporteur drängt auf die Erschliessung neuer Märkte in Europa.
Grund für die Reform war eine Klage Brasiliens, Thailands und Australiens gegen die EU vor der Welthandelsorganisation (WTO), die im Jahr 2005 zugunsten der Kläger entschieden wurde. Demnach sind EU-subventionierte C-Zucker-Exporte, so wie Re-Exporte des aus den AKP-Staaten importierten Zuckers nicht mehr zulässig.
Es scheint also wahrscheinlich, dass Brasilien seinen Zucker in Zukunft vermehrt auf dem europäischen Markt anbieten kann. Auf Grund der geschilderten Umstände muss die Frage gestellt werden, wer in diesem Falle von der gesteigerten Nachfrage profitieren wird? Wird eine gesteigerte Zuckerproduktion den in der Zuckerproduktion Beschäftigten zugute kommen oder nur einigen wenigen Grossgrundbesitzern, den sogenannten "Zuckerbaronen"? Führt eine steigende Nachfrage zu einer gesteigerten Mechanisierung, und damit zu weiterer Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Armut? Auf wen entfällt der Hauptanteil von Export- und Ertragssteigerungen, auf den hochmodernisierten Zuckersektor in Südbrasilien und die "Newcomer" im Mittelwesten oder dem standortlich benachteiligten, seit jeher armen Nordwesten? Welche Auswirkungen hätte eine Ausdehnung der Monokultur-Anbauflächen im Mittelwesten für die dort angesiedelten Kleinbauern und für dort vorherrschende Ökosysteme wie die Baumsavanne Cerrado und das Sumpfgebiet Pantanal?
Brasilien drängt auf den Weltmarkt. Auf Grund der bestehenden Strukturen im Land ist anzunehmen, dass Kleinbauern und Landlose dabei das Nachsehen haben werden und ihr Kampf um Land und soziale Rechte erschwert wird.
Tut die EU mit ihrem Protektionismus nicht gut daran, die europäische Landwirtschaft zu erhalten? Ohne Frage ist die Produktion dort teurer, doch sind diese höheren Kosten der Preis für eine nachhaltige, angepasste Produktion, mit strengen, kontrollierten Umwelt- und Arbeitsauflagen.
Anstatt unermüdlich das florierende brasilianische Agro-Unternehmertum zu preisen - sollte nicht nachdrücklich auf die Notwendigkeit verwiesen werden, sämtliche Standards in ökologischer wie sozialer Hinsicht zu achten, bevor Brasilien seine Exportgüter auf dem europäischen Markt anbieten darf?
Der Cachaça
Der Cachaça ist ein brasilianischer Zuckerrohr-Schnaps mit einer über 300 Jahre alten Tradition. Die Gesamtproduktion von Cachaça beträgt heute in Brasilien 1,5 Milliarden Liter pro Jahr, wovon 99,5% im eigenen Land konsumiert werden.
Ein guter "Cachaça" kommt meistens aus Minas Gerais oder Rio de Janeiro, wo er in zahlreichen, meist familiär geführten Kleinbetrieben, genannt "Alambiques", ohne chemische Zusätze komplett von Hand und ausschließlich aus noch grünem Zuckerrohr gefertigt wird. Die Herstellung folgt alten Traditionen, in der bei der Destillierung nur das "Herz", das Mittelstück, verwendet wird. Zuerst wird durch Auspressen des Zuckerrohres "Caldo de Cana", eine Art Zuckerrohrsaft gewonnen, welcher dann 24 Stunden in Edelstahlfässern gärt und schließlich destilliert wird. Gelagert wird der Cachaça anschliessend in Holzfässern, die den Cachaça je nach Holzart neutral lassen oder ihm eine typisch gold-braune Färbung verleihen sowie verschiedene Arten von Aromen.
Heute sind auf dem brasilianischen Markt zwei unterschiedliche Produkte zu finden: "Cachaça" und "Aguardente". Letzterer gilt als billiges, industriell hergestelltes Massenprodukt wie die Marken „Ypioca“ , „Pitu“ , „Cachaça 51“, ohne jegliche schönende Behandlung. In den meisten Supermärkten in Deutschland findet man nur billiges "Aguardente" allerdings zu teuren Preisen. Die Behauptung dass sich diese Produkte am Besten zur Herstellung von Caipirinhas eignen, ist schlichtweg falsch.
Ausser dem inzwischen auch im Ausland hoch geschätzten Caipirinha eignet sich der „Cachaça“ hervorragend für eine Anzahl von Cocktails auf der Basis von tropischen Früchten und Säften. Diese Cocktails werden „Batida“ genannt. Da bislang die Nachfrage nach gutem „Cachaça“ auf den ausländischen Märkten größer als das Angebot ist, bestehen enorme Entwicklungschancen. Um die Vermarktung des Getränkes im Ausland professioneller zu gestalten, schließen sich die kleineren Hersteller zu Kooperativen zusammen. Die Bestrebungen gehen dahin ein hochwertiges Produkt anzubieten, sowohl für den Gebrauch in Cocktails wie auch pur.
Bericht TopAgrar 2003
Fazenda do Anil im Bundesstaat Rio de Janeiro
“Es erwartet uns eine historische Anlage in der eine hundert Jahre alte Dampfmaschine Zuckerrohrhäcksler und –presse antreibt, Stroh (Bagasse) wird im Kessel verfeuert und dient der Energiegewinnung, Saft (Maische) gärt 18h lang. Das Destillat durchläuft 3 Kessel, wovon jedoch nur die Destillate aus 1. und 2. Kessel zu Trink-Alkohol weiterverarbeitet werden. Die Lagerung erfolgt über 2-4 Jahre hinweg z.T. in Eichenfässern oder in Fässern aus brasilianischen Hölzern womit Einfluß auf Farbe und Geschmack genommen wird. Ein gutes Produkt hat meistens 45% Alkohol.
Ein Hektar Zuckerrohr ergibt etwa 100 t Rohrzucker (max. 140), woraus 70t Saft mit 20% Zucker gewonnen werden. Auf Grund des abnehmenden Ertrages erfolgt nach 4 Jahren eine Neupflanzung des Zuckerrohrs. In der Trockenzeit von Mai bis September wird in der Pflanze Zucker eingelagert, während die Regenzeit das Pflanzenwachstum fördert.
40 Arbeiter sind zum Betreiben der Maschinen und Anlagen auf dem Betrieb beschäftigt. In den letzten Jahren wurden allerdings in neuere Maschinen investiert, was zu einer Steigerung der Leistung und zur Reduzierung des Personal führte.”
Bericht TopAgrar 2005
Destillerie Alambique Dom Henrique Ltda. in Morretes
Auf der Busrückfahrt nach Curitiba machen wir Halt, um die Zuckerrohrschnaps-Destillerie Alambique Dom Henrique Ltda. in Morretes zu besichtigen. Uns begrüßt und führt der Betriebsleiter Valdecir. Der Betrieb hat 10 ha Zuckerrohr und insgesamt 11 Mitarbeiter. Der Anbau erfolgt in Monokultur über hunderte von Jahren. Nach dem Schlagen wird das Zuckerrohr per Lkw zum Betrieb transportiert. Dort wird der Zuckersaft über eine Presse gewonnen. Durch das Verfeuern des Strohs (Bagasse) im Kessel wird die benötigte Heizenergie gewonnen. Die Zuckerrohrindustrie in Brasilien produziert mehr Energie, als sie verbraucht. Durch die Zugabe von Naturhefe aus Mais wird der auf 15% Zuckergehalt eingestellte Saft zum Gären gebracht (Maische: Umwandlung von Zucker in Alkohol). Nach 24 Std. wird die Maische auf 92° C erhitzt, der Alkohol verdampft und wird durch einen Kühler wieder verflüssigt. Es wird nur einmal gebrannt. Das Destillat hat einen Alkoholgehalt von 54%. Man unterscheidet zwischen “Kopf, Herz und Schwanz“. Kopf und Schwanz, also der beim Destillieren zu Beginn und zum Ende anfallende Alkohol, werden nicht zu Trink-Alkohol weiter verarbeitet, sondern nur das “Herz“. Über zwei Filter (Entfernen von Verunreinigungen und Kupfer) gelangt das Destillat in die Lagerfässer. Die Mindestlagerdauer beträgt sechs Monate. Der Betrieb lagert drei Jahre (dabei verdunsten 5 - 10% je Jahr) in Eichenfässern oder Fässern aus brasil. Holz (Einfluss auf Farbe und Geschmack). Die Fässer halten ca. 20 Jahre. Reinigen der Flaschen und Abfüllen von Hand, Produkt “Magia da Serra“ mit 40 % Alkohol. Verkauf direkt oder weitere Lagerung. Der Betrieb produziert jährlich ca. 60.000 l Cachaca.
Im Durchschnitt liegt der Ertrag von 1 ha bei 100 t Zuckerrohr (max. 140 t) = 70 t Saft mit 20% Zucker = 10.000 l Cachaca, d.h., 1 t Zuckerrohr ergeben 100 l Cachaca. Da der Betrieb hohe Qualität anstrebt (nur einmal brennen, kein Trink-Alkohol aus “Kopf und Schwanz“), werden aus 1 t Zuckerrohr nur ca. 75 l Cachaca produziert. Der Schnitt der ca. 2 m hohen Pflanzen erfolgt von Hand in den Monaten Juni bis Dezember. Die Pflanze wächst nach, wegen abnehmendem Ertrag nach 4 Jahren aber Neupflanzung. Das Pflanzenwachstum erfolgt in der Regenzeit (Oktober - April), die Zuckereinlagerung in der Trockenzeit (Mai - September). Versteuert wird die Flasche beim Verkauf, nicht der Bestand im Lager. Es gibt keine Alkoholsteuer. Berechnet werden 27% IPI-Steuer (für Fertigprodukte) und 25% Umsatzsteuer. Gelegenheit zur Verkostung und zur Bevorratung für die Heimat.”
Bioethanol in Brasilien
Die weltweite Ethanolproduktion hat in den letzten Jahren stetig zugenommen und lag 2004 bei rund 40 Millionen Kubikmeter. Der Preis für Bioethanol betrug 2004 in Brasilien 0,19 US-$/l, in den USA 0,33 US-$/l und in Europa 0,55 $/l. In Brasilien sind die Vollkosten der Ethanolproduktion im weltweiten Vergleich am geringsten und es ist davon auszugehen, dass der technische Fortschritt zukünftig noch geringere Produktionskosten zulässt. In Brasilien existieren etwa 400 Ethanol-Konversionsanlagen mit einer Gesamtkapazität von derzeit etwa 18 Millionen Kubikmetern. Neue Technologien sind in der Entwicklung, um auch aus dem Zuckerrohrstroh, welches überwiegend auf den Feldern abgebrannt wird, Ethanol zu gewinnen. Durch das neue brasilianische Energieeinspeisegesetz kann nun aus der überschüssiger Bagasse, die bei den Zucker- und Ethanolfabriken anfällt, Strom gewonnen, und in das öffentliche Stromnetz eingespeist werden. Schätzungen für das Energiepotential von Bagasse reichen von 1000-9000 MW, abhängig von der angewendeten Technologie. Heutzutage können 288 MJ Energie aus den Resten von einer Tonne Zuckerrohr extrahiert werden. Das bedeutet, dass eine mittelgrosse Destillerie, die jährlich eine Million Tonnen Zuckerrohr verarbeitet, etwa 5 MW Überschussenergie verkaufen kann.
Ethanol kann völlig im eigenen Land hergestellt werden und sichert Brasiliens Unabhängigkeit von den erdölfördernden Ländern. Es ist halb so teuer wie Benzin und gilt als umweltfreundlicher, da es kein Blei enthält und weitaus weniger Kohlendioxidausstoß verursacht. Beinahe 5 Millionen Pkws in Brasilien fahren heutzutage mit reinem Bio-Ethanol, weitere 9 Millionen laufen mit einem Gemisch aus Benzin und Alkohol. Seit der Einführung des Proálcool-Programms wird in Brasilien dem Benzin Ethanol beigemischt. Heute gibt es im brasilianischen Kraftstoffmarkt nur Benzin mit einer Beimischung von 25% Ethanol (E-25) und reines Ethanol (E-100). Der jährliche Verbrauch liegt seit Ende der 80er Jahre bei rund 12 Mio. m³, wobei der Verbrauch von Ethanol als Reinkraftstoff von 1997 bis 2002 rückläufig war, in den letzten Jahren aber wieder anstieg. Selbst herkömmliche Motorenmodelle, wie sie auch in Europa üblich sind, vertragen das Benzin-Alkohol-Gemisch (Gasohol) sehr gut. Die Beimischung von Ethanol führt sogar zu einer verbesserten Motorleistung. Die Produktion von rein mit Benzin betriebenen Motoren wurde in Brasilien bereits 1979 eingestellt. Dass sich Alkohol als Treibstoff so erfolgreich auf dem Markt durchgesetzt hat, ist den sogenannten FLEX-Motoren zu verdanken, die sowohl mit Alkohol als auch mit Benzin oder einem Gemisch davon funktionieren. Etwa 80% aller in Brasilien hergestellten Autos sind mit dieser Technologie ausgerüstet, Tendenz steigend. Die Mineralölindustrie erwartet aus diesem Grunde eine deutliche Ausweitung der Binnennachfrage nach Ethanol. An Brasiliens Tankstellen wir heute bereits mehr Alkohol als Benzin verkauft. Nach Meinung von Experten wird Ethanol zukünftig neben Wasserstoff einer der Treibstoffe des 21. Jahrhunderts sein.
Vom Zuckerrohr zum Ethanol :
Das Programm Pro-Alcool
Nach der zweiten schweren Erdölkrise verabschiedete die damalige Militärregierung 1975 das Programm Proálcool als Massnahme zur Reduzierung der Erdölimportabhängigkeit. Zuckerrohr wurde zur Herstellung von Ethanol verwendet und zunächst als Mischung mit Benzin, anschließend als alleiniger Treibstoff für speziell entwickelte Motoren eingesetzt. Weiterführende Ziele des Programms waren der Schutz der nationalen Zuckerrohr-Produktion, die Nutzung eigener, erneuerbarer Energie-Ressourcen, so wie die Entwicklung eines Wirtschaftssektors basierend auf Alkohol mit Prozesstechnologien zur Produktion und Verwendung industrieller Alkohole.
Das ProAlcool-Programm beschleunigte die technologische Entwicklung und reduzierte die Kosten innerhalb der Landwirtschaft und weiterer Industrien. Die moderne und effiziente Alkoholindustrie gehört heute zu Brasiliens grössten Industriesektoren. Rund 2,5 Milliarden Liter der Ethanolproduktion aus Zuckerrohr exportiert Brasilien vor allem in die USA und nach Indien. Umweltfragen und steigende Erdölpreise steigern die Nachfrage von ausländischen Märkten und machen Brasilien dank seiner Zuckerindustrie zum Marktführer in Sachen Ethanolproduktion und -technologie. Auch der im Kyoto-Protokoll festgelegte CO² -Emissionshandel, wonach sich Industrieländer einen Teil der Reduktion ihrer Schadstoffausstöße durch Investitionen in nachhaltige Projekte in Entwicklungsländern ersparen können, stellt höhere Erträge für Brasiliens Bioethanolproduktion in Aussicht. Obwohl ProAlcool von der Regierung geplant wurde, ist die Alkoholproduktion heute ausschliesslich in privater Hand. Durch Investitionen in Bioforschung und Technologie konnte der durchschnittliche Ethanolertrag zwischen 1987 und 2000 stetig um etwa 3,5% jährlich gesteigert werden.
Ökonomische und soziale Auswirkungen
Das brasilianische Alkohol-Förderprogramm wurde oft kritisiert, unter anderem für die exzessive Bestellung von Land mit Monolkulturen und daraus resultierender Umweltschäden, Verdrängung von Nahrungsmitteln, Stütze auf schlecht bezahlte, temporäre Arbeit, Abhängigkeit von staatlichen Subventionen ect.
Tatsächlich ergaben sich durch ProAlcool ernsthafte Umweltschäden, besonders zu Beginn des Programms. Die Alkoholproduktion kann beträchtliche, negative, ökologische Auswirkungen haben, da grosse Mengen Schlempe anfallen, die ins Grundwasser gelangen können. Für jeden erzeugten Liter Ethanol fallen in den Destillerien bis zu 14 Liter Schlempe mit hohem biochemischem Sauerstoffbedarf an. Die unternommenen Anstrengungen zur Lösung dieser Probleme, resultierten in einer Reihe von alternativen, technischen Lösungen, wie zum Beispiel die Verminderung des Abwasservolumens oder die Umwandlung der Schlempe in Dünger, Tierfutter oder Biogas.
Das Abbrennen der Felder vor der Ernte führte zu Luftverschmutzung und Atemwegsproblemen. So wurde die Luftverschmutzung in den Städten durch ethanolbetriebene Fahrzeuge zwar vermindert, auf dem Land jedoch gesteigert. Mittlerweile wurde das Abbrennen der Felder verboten.
Der Einsatz von Bioethanol als erneuerbarer Kraftstoff war aus klimapolitischer Sicht lange Zeit umstritten. Gegner argumentieren mit ungünstigen Treibhausgasbilanzen aufgrund aufwändiger Umwandlungsprozesse und geringer Energieausbeuten. Verschiedene Studien kommen in Abhängigkeit von den getroffenen Annahmen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die überwiegende Zahl der Studien geht von Energiegewinnen zwischen 8 und 15 MJ/Liter aus. Brasilien hat mit 2,24 kg CO²-Äquivalente/Liter Ethanol bei der Produktion aus Zuckerrohr die beste Treibhausgasbilanz. Für Deutschland liegt der beste Wert bei 1,5 kg CO²-Äquivalente/Liter Ethanol bei der Produktion aus Zuckerrüben.
2010 soll die brasilianische Zuckerrohrproduktion 500 Millionen Tonnen überschreiten. Eine Ausdehnung der Anbaufläche ist zu erwarten. In diesem Zusammenhang stellen Kritiker die ethische Frage nach der Legitimation der Verwendung von Land zur Produktion von Kraftstoff anstatt zur Produktion von Nahrungsmitteln. Es mag berechtigt sein, darüber nachzudenken wer bei einer Umwandlung von Feldfrüchten zu Kraftstoff am Ende profitiert und wer – auch im Hinblick auf ökologische Probleme, die dadurch verursacht werden können – benachteiligt wird.
Das Ethanolprogramm führte zu einer weitgehenden Verdrängung von kleinen Farmen und diversifizierter Landwirtschaft durch den grossflächigen Anbau der Monokultur. Dies hatte wiederrum einer Abnahme der Biodiversität und weitere Verringerung des verbliebenen Urwaldes (nicht nur durch Abholzung, sondern auch durch Feuer, die durch das Abbrennen der Felder verursacht wurden) zur Folge. Der Ersatz von Nahrungsmitteln durch das lukrativere Zuckerrohr führte zu einem Anstieg der Preise für Lebensmittel.
Ausblick
Angesichts der erwarteten rasanten Steigerung der Ethanolnachfrage stellt sich die Frage, wie die Investitionen in die Ethanolindustrie und die Erschließung neuer Anbauflächen in relativ kurzer Zeit realisiert werden können. Für den internationalen Markt bedeutet dies unter Umständen, dass angesichts der starken Binnennachfrage nur ein geringes Angebot aus Brasilien zur Verfügung stehen könnte. Zudem ist die Infrastruktur unzureichend, was sich u. a. in hohen Logistikkosten und Risiken niederschlägt. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass steigende Ethanolpreise in Brasilien auch den Weltmarktpreis von Ethanol nach oben ziehen werden. Dieser Prozess würde umso stärker ausfallen, je länger der Trend steigender Ölpreise anhält.
Als große Chance für die brasilianische Ethanolindustrie wird die weltweit stark wachsende Nachfrage nach Bioethanol betrachtet. In einer steigenden Zahl von Ländern in Europa und Asien wird die Verwendung von Biokraftstoffkomponenten forciert. Länder wie Japan und Korea haben erheblichen Importbedarf. Auch Exporte in die USA spielen eine zunehmende Rolle. Allerdings ist auch bekannt, dass die Preise für brasilianisches Ethanol in der Vergangenheit immer sehr instabil waren, bedingt durch schwankende Nachfrage und unterschiedliche Zuckerpreise. Vor dem Hintergrund des erwarteten starken Anstiegs der Nachfrage sowohl im Heimatmarkt als auch in Nordamerika, Asien und Europa expandiert die brasilianische Ethanolproduktion derzeit deutlich. |